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Zur Einführung

Rassismuskritische und migrationssensible Öffentlichkeitsarbeit zu initiieren und zu kreieren bedeutet für uns: Wir nehmen bestehende Selbst- und Fremdwahrnehmungen unter die Lupe. Wir lassen uns auf den Prozess ein, innere und äußere Widersprüche und Widerstände zu thematisieren. Wir finden Formen, diese auszuhalten, auszuhandeln und konstruktiv aufzulösen. Das alles bedeutet harte Arbeit mit sich und in der Auseinandersetzung mit anderen. Und es ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Deswegen ist der Respekt vor den Werten, die wir vermitteln möchten, Anspruch, Motivation und Hoffnung zugleich.

Unter dieser Prämisse haben wir die Initiative In-Haus Media gestartet, um für „uns“ selbst zu sprechen, um auf Themen aufmerksam zu machen und eine Plattform für andere Engagierte zu bieten. Entstanden ist die Idee im Laufe des Projekts „Mach mit! Engagement lernen und leben“, in dem wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzten:

1. Wie kann die Sichtweise junger Menschen mit Migrations- und / oder Fluchtgeschichte adäquat in die Öffentlichkeit transportiert werden?

2. Wie kann mensch die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Engagement bzw. dem Ziel, etwas verändern zu wollen, und den realen Vorgängen, die als alternativlos und unveränderbar deklariert werden, aushalten bzw. was können wir jungen Menschen dafür mitgeben?

Mit dem Projekt haben sich junge Menschen in die Diskussion rund um die Themen Flucht, Migration und Zusammenleben eingebracht. Dazu haben sie Informations- und Mitmachveranstaltungen zu den Themenschwerpunkten organisiert, diese selbst beworben und mit den Medien Film, Musik, Literatur und Kunst gearbeitet. Das haben sie auf eine Art und Weise gemacht, die eine Inspiration für die Gründung der In-Haus Media-Initiative war.

Angefangen haben wir mit dem Aufbau eines Radiostudios. Beim In-Haus-Radio erarbeiten Engagierte verschiedene Podcasts und begleiten Veranstaltungen als Radiomoderator*innen. Mittlerweile wird das Studio auch von anderen Akteur*innen für unterschiedliche Produktionen genutzt.

Die In-Haus Media-Initiative bedeutet für uns Organisationsentwicklung. Als soziale Einrichtung müssen wir nicht „nur“ unser Tun porträtieren, sondern uns auch öffentlich politisch einbringen. Wir sind mögliches Sprachrohr und Plattform für Lebenswirklichkeiten, die in der Öffentlichkeit meist gar nicht oder nur in eindimensionaler Perspektive dargestellt werden. Das bedeutet: Unsere Öffentlichkeitsarbeit muss so viele Partizipationsmöglichkeiten wie möglich schaffen, um die tatsächliche Realität abzubilden und um politische Forderungen im Sinne des Empowerments einzubringen.

Eine rassismuskritische Perspektive und die Bereitschaft zur Selbstreflexion sind nicht nur Ausdruck von Empathie, Empowerment und Solidarität. Sie bieten vor allem die Chance, die Diversität unserer sozialen Umwelt abzubilden, aktuelle gesellschaftliche Diskussionen unmittelbar aufzugreifen und wiederum eigene Schwerpunkte in der Öffentlichkeit zu setzen: „Ein weiterreichender Anspruch bestünde […] darin, das eigene Normalitätsverständnis und die Reproduktion von Differenzordnungen […] in grundsätzlicher Weise zu hinterfragen, Mechanismen institutionellen Rassismus zu identifizieren und abzubauen sowie die Frage der Repräsentation auch in Bezug auf das eigene Personal zu stellen“ (Sprung 2016,  382). Kontinuität ist dabei entscheidend: Wer macht welche Arbeit wie, wer bestimmt, wer nimmt teil etc.?

Die folgenden Ausführungen beziehen die Ebene der Geschäftsführung sowie der Mitinitiator*innen und Mitgestalter*innen des In-Haus Media-Teams ein. Der Fokus liegt auf den praktischen Erfahrungen, die wir im Laufe der Jahre sammeln konnten und auf dem Know-how von Salman Abdo. Diese sind nicht abschließend und umfassend, können aber Impulse für andere Organisationen bieten.


Keine plakative Präsentation – „Denn wir sind nicht nur fürs Foto da!“

Grundsätzlich sind die Darstellung und das Sprechen von Lebenswirklichkeiten immer ungenügend und schwierig. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nie gewährleistet werden und rassistische Bilder werden reproduziert bzw. können reproduziert werden. Die Lösung kann nicht darin bestehen, diejenigen, über die gesprochen wird, „in die Position [zu drängen] […], die Interessen einer als homogen imaginierten Minorität vor der Majorität, die ebenfalls als homogenen Gruppe konstruiert wird, zu vertreten“ (Schrödter 2014, 63). Deshalb beinhaltet unser wichtigster Grundsatz gleichzeitig unsere Arbeitsbeschreibung: Wenn es keine darzustellende Vielfalt gibt, stellen wir sie nicht „künstlich“ her. Daraus folgt umgekehrt der Auftrag, mehr Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und kontinuierlich an der öffentlichen Präsentation der Realitäten vor Ort und in der Welt weiterzuarbeiten.

Die Berücksichtigung verschiedener Lebenswirklichkeiten soll nicht nur in unseren Angeboten (wie bspw. den Sprachkursen), sondern auch in unserer Öffentlichkeitsarbeit gewährleistet werden. Unsere Ansätze dabei sind: 

1. Teilhabe und Einbeziehung verschiedener Akteur*innen in öffentlichkeitswirksame Produktionen.

2. Achtsamer Gebrauch von Sprache und Bildern: Vermeidung diskriminierender Sprache und Reproduktion von Stereotypen.

3. Unterstützung weiterer Organisationen durch unsere Öffentlichkeitsarbeit.


Make sure your image is clear and approachable enough for everyone

In unserer Praxis heißt das:

1. Im In-Haus Media-Team sind Menschen verschiedener Generationen, Berufs- und Arbeitserfahrungen, Herkünfte, Sprachen, Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen aktiv – als Angestellte, als Honorarkräfte, als Ehrenamtliche und als Auftraggebende. Einige Formate sind so gestaltet, dass sowohl ein einmaliges als auch ein mehrmaliges Engagement (bspw. Podcastproduktion im Radiostudio) möglich sind. Somit gewährleisten wir spontanes Mitmachen und langfristige Mitarbeit. Unser Anspruch, Teilhabe in allen Bereichen zu ermöglichen, scheitert aber noch an der mangelnden strukturellen und finanziellen Ausstattung unserer Einrichtung. Gleichzeitig haben wir es mit den umgesetzten Mitmach-Strategien geschafft, dass die Bilder und Darstellungen unserer Arbeit der Diversität vor Ort entsprechen.

2. Wir orientieren uns bei der Verwendung von geschriebener und gesprochener Sprache am Glossar der Neuen deutschen Medienmacher*innen sowie dem Sprachgebrauch unserer Engagierten. Wir versuchen, mit der von uns verwendeten Sprache und den Inhalten, die wir transportieren, sensibel umzugehen und offen für Kritik zu sein. Da wir Hasskommentaren in unseren Medienkanälen keine zusätzliche Plattform geben wollen, löschen wir menschenverachtende und rechtsextreme Inhalte konsequent und blockieren die Kommentator*innen.

Unser Defizit sehen wir in der mangelnden Einbeziehung der zahlreichen Sprachen in unserer Einrichtung selbst. Ansätze zum Verwenden Einfacher Sprache sowie die Einbindung von Mehrsprachigkeit funktionieren bis dato nur rudimentär. Hier sind sowohl strukturelle Faktoren als auch die Dominanz der Sprachen Deutsch und Englisch ausschlaggebend, die oft die Basis für die Kommunikation verschiedenster Menschen in unserer Organisation bilden.

3. Wir dokumentieren in Form von Videos, Fotos, Printveröffentlichungen oder Podcasts als Auftragnehmende oder als Unterstützende verschiedene Veranstaltungen und Projekte von Kooperationspartner*innen in Köln. Dabei lernen wir stets neue Menschen und Organisationen kennen und bekommen Zugänge zu weiteren Projekten und Themen, die Menschen bewegen. Wir teilen Inhalte von Kooperationspartner*innen und Initiativen und unterstützen ihre Öffentlichkeitsarbeit in den Social-Media-Kanälen. Unter dem Motto „support the supporters“ möchten wir nun z. B. vermehrt auf internationale Initiativen aufmerksam machen, die menschenrechtsorientiert, solidarisch und rassismuskritisch arbeiten.

Dabei wissen wir, dass wir alle immer vor den Herausforderungen stehen, intersektionale Perspektiven einzunehmen und zwischen strukturellen und praktischen Handlungsoptionen abzuwägen. Dieses Engagement ist nicht frei von Widersprüchen. Das Gemeinsame ist: Die Orientierung am Grundsatz der Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Das mag pathetisch klingen, bildet jedoch die Haltung, den Anspruch und die Forderung vieler Mitstreiter*innen.


To be aware

Awareness heißt, sich bewusst zu sein, sich zu informieren und für gewisse Problematiken sensibilisiert zu sein. Das bedeutet für uns, dass wir es uns zur Aufgabe und Arbeitsweise machen, zu transportieren, was uns bewusst ist, und uns im Sinne eines prozessorientierten Lernens über Problematiken bewusst zu werden, zu informieren und zu sensibilisieren, die uns (noch nicht) bewusst sind. Das versuchen wir mit einer intersektionalen Perspektive und mit Hilfe der folgenden übergreifenden Fragen:

  • Was ist unsere Vision?
  • Was wollen wir transportieren?
  • Was ist uns dabei wichtig?
  • Wen erreichen wir damit?
  • Wen möchten wir noch erreichen?
  • Was sehen Menschen, wenn sie unsere Webseite, unsere Social–Media-Kanäle oder unsere Einrichtung betreten?
  • Wie sind wir mit anderen Aktiven im Internet vernetzt?
  • Sind wir auf dem aktuellen Stand, was die Aktivitäten anderer Organisationen betrifft?
  • Unterstützen wir Projekte und Kampagnen unserer Partner*innenorganisationen und von anderen Aktiven?

Bei den jeweiligen Produktionen sind für uns diese Fragen handlungsleitend:

  • Was ist der Fokus bei dieser Produktion?
  • Wer wird abgebildet? Wer spricht? Und wer bestimmt darüber?
  • Präsentieren wir Diversität selbstverständlich und wird sie sichtbar?
  • Welche Perspektiven werden durch wen und wie dargestellt bzw. welche werden gehört oder / und aufgeschrieben?
  • Wie präsentieren wir uns und gelebte Realitäten von nicht-weißen Gemeinschaften? 
  • Wer und was wird nicht in der Öffentlichkeitsarbeit dargestellt und warum?
  • Was bedeuten Auftragsarbeiten für uns? Teilen wir die Haltung der auftraggebenden Organisation? Welchen Einfluss haben wir bei der Produktion (Wer spricht? Wer wird gezeigt? Welche Sprache wird verwendet? Etc.)?

Diese Fragen können entsprechend modifiziert auf alle Formen der Öffentlichkeitsarbeit übertragen werden: Flyer, Handreichungen, Homepage, Postings, (Selbst-)Darstellungen in Publikationen sowie bei öffentlichen Auftritten.

„Jeder Mensch ist eine Welt“ – das ist das Motto unserer Organisation. Und das möchten wir auch zeigen. Denn rassismuskritische Öffentlichkeitsarbeit ist eine Haltung.


Literatur

Schrödter, Mark: Dürfen Weiße Rassismuskritik betreiben? Zur Rolle von Subjektivität, Positionalität und Repräsentation im Erkenntnisprozess. In: Broden, Anne, Mecheril, Paul (Hg.): Solidarität in der Migrationsgesellschaft. Befragung einer normativen Grundlage. transcript Verlag: Bielefeld.

Sprung, Annette: Erwachsenenbildung: In: Mecheril, Paul unter Mitarbeit von Kourabas, Veronika und Rangger, Matthias (2016): Handbuch Migrationspädagogik. Beltz Verlag: Weinheim und Basel.


Links zum Benutzen

Glossar der Neuen deutschen Medienmacher*innen: https://glossar.neuemedienmacher.de/

Schreibtipps: geschlechterbewusste und diskriminierungssensible Sprache: https://www.aug.nrw/presse/schreibtipps/

Begriffe über Behinderung von A bis Z: https://leidmedien.de/begriffe/

Fibel der vielen kleinen Unterschiede-Begriffe zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt: https://www.aug.nrw/materialien/download-links-1/

Sozialhelden e. V.: https://sozialhelden.de/

Verschiedene Tipps, u. a. auch Bilder: https://gesellschaftsbilder.de/


Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit e. V. (IDA)

Dieser Artikel ist Teil einer Publikation der Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit e. V. (IDA) Um die vollständige Publikation zu lesen, klicken Sie hier.

In-Haus Media

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