Soziale Ungleichheit und Armut abmildern – Erkenntnisse aus dem Projekt „Deine Stimme zählt!“
Die folgenden Empfehlungen basieren auf den konkreten Erfahrungen des Projekts „Deine Stimme zählt!“ im Stadtteil Kalk. Das Projektteam – bestehend aus Menschen mit eigenen Armuts- und Diskriminierungserfahrungen – hat in sechs Monaten unterschiedliche Menschen aus dem Quartier durch verschiedene Angebote erreicht und wichtige strukturelle Erkenntnisse gewonnen. Diese Empfehlungen richten sich an die Stadt Köln, die Bezirksvertretung Kalk sowie die zuständigen Fachämter. Sie verstehen sich nicht als Kritik am Engagement der Handelnden, sondern als konstruktiver Beitrag aus der gelebten Praxis vor Ort.
Grundsatz: Kein Projekt und kein Ehrenamt kann Armut bekämpfen. Was es braucht, ist politischer Wille zur Umverteilung, zum Ausbau sozialer Infrastruktur und zur konsequenten Durchsetzung von Rechten. Die folgenden Empfehlungen sind Schritte in diese Richtung.
1. Konsumfreie Begegnungsräume schaffen und dauerhaft finanzieren
Was wir beobachtet haben: Im Stadtteil Kalk gibt es viele spezialisierte Anlaufstellen – für Wohnungslose, für Drogenkonsumierende, für Kinder und Jugendliche, für Migrant:innen. Was fehlt, sind offene, konsumfreie Räume, in denen Menschen ohne Problemzuschreibung, ohne Anmeldung und ohne Kosten einfach zusammenkommen können.
Was die Stadt tun sollte:
- Schaffung und dauerhafte Finanzierung von mindestens einem konsumfreien Begegnungsraum pro Sozialraum, der explizit für offene Begegnungen – ohne Zielgruppenbindung – vorgesehen ist
- Keine Doppelnutzung durch Beratungs- oder Kursangebote, die den offenen Charakter einschränken
- Zugängliche Lage, barrierearmer Zugang, mehrsprachige Beschilderung
- Keine Anmeldepflicht, keine Konsumpflicht, offene Türen zu unterschiedlichen Tages- und Abendzeiten
2. Hauptamtliche Strukturen für Demokratieförderung und Beteiligungsarbeit sicherstellen
Was wir beobachtet haben: Kommunales Engagement wird fast ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen – mit zu kleinen Zeitfenstern für echten Dialog. Menschen mit komplexen Lebenslagen brauchen mehr Zeit, mehr Wiederholung, mehr Vertrauen, als es ehrenamtliche Strukturen bieten können. Kurz befristete Projektförderungen zerstören aufgebautes Vertrauen und Netzwerke immer wieder von Neuem.
Was die Stadt tun sollte:
- Schaffung hauptamtlicher, dauerhaft finanzierter Stellen für Quartiersarbeit in stark belasteten Stadtteilen – keine Projektbefristungen unter drei Jahren
- Bezirksvertretungen mit hauptamtlicher Unterstützung ausstatten, damit Dialog mit Bürger:innen vorbereitet, nachbereitet und kontinuierlich begleitet werden kann
- Klare Regelung: Wer ist Ansprechperson für wen? Die Zuständigkeiten müssen für Bewohner:innen verständlich und zuverlässig sein
- Förderung von „inoffiziellen Quartiersmanager:innen“ – Menschen, die in der Nachbarschaft bekannt und vernetzt sind – durch Honorarverträge oder Minijobs, damit ihr Wissen und ihre Netzwerke anerkannt und genutzt werden
3. Beteiligungsformate entstigmatisieren und alltagsnah gestalten
Was wir beobachtet haben: Das Wort „Parlament“ löste Misstrauen aus. Politisch klingende Formate schrecken Menschen ab, die das Vertrauen in Institutionen verloren haben – nicht aus Desinteresse, sondern aus Erfahrung. Niedrigschwellig ist kein Formatting problem, sondern ein Machtproblem: Wer nicht weiß, wie die Miete bezahlt werden soll, kann nicht „einfach partizipieren“.
Was die Stadt tun sollte:
- Beteiligungsformate konsequent aus der Lebenswelt der Bewohner:innen heraus entwickeln – nicht von oben nach unten konzipieren
- Erprobung alltagsnaher Formate: Nachbarschaftsfrühstücke, Innenhofgespräche, Stadtteilspaziergänge als anerkannte Formen politischer Beteiligung
- Politische Veranstaltungen nicht ausschließlich in Rathäusern oder Amtsstuben, sondern dort abhalten, wo Menschen ohnehin sind: Nachbarschaftstreffs, Cafés, Schulen, Moscheen, Supermärkte
- Sprache vereinfachen: Verwaltungssprache und politisches Vokabular schließen aus – alle Kommunikation der Stadt sollte in Leichter Sprache und mehrsprachig verfügbar sein
4. Verdeckte Armut aktiv bekämpfen – Rechte proaktiv kommunizieren
Was wir beobachtet haben: Bis zu 60 % der Kölner:innen mit Anspruch auf Grundsicherung im Alter stellen keinen Antrag – aus Scham, Unwissenheit oder bürokratischen Hürden. Diese verdeckte Armut ist politisch produziert: durch komplizierte Antragsverfahren, fehlende Information und eine Kultur, die Armut als persönliches Versagen darstellt.
Was die Stadt tun sollte:
- Einführung eines aufsuchenden Beratungsansatzes: Sozialarbeiter:innen gehen aktiv in die Quartiere, statt auf Antragstellung zu warten
- Vereinfachung aller Antragsverfahren für Sozialleistungen – digital und analog, mehrsprachig, barrierefrei
- Aktive Öffentlichkeitskampagne der Stadt Köln: „Du hast Rechte. Wir helfen dir, sie einzufordern.“ – Entstigmatisierung des Leistungsbezugs als gesellschaftliche Aufgabe
- Schulung aller Mitarbeitenden im Jobcenter, im Sozialamt und in Beratungsstellen zu diskriminierungsfreier Kommunikation und zu den psychosozialen Belastungen von Armut
5. Lokale Medien und Informationsinfrastruktur stärken
Was wir beobachtet haben: Lokale Redaktionen werden ausgedünnt oder verschwinden ganz. Kalk wird fast ausschließlich als „Problemviertel“ dargestellt. Diese einseitige Berichterstattung verstärkt Stigmatisierung und verhindert, dass Bewohner:innen ihre Lebensrealität anerkannt sehen. Gleichzeitig fehlen niedrigschwellige, auch gedruckte Informationskanäle für Menschen ohne Internetzugang.
Was die Stadt tun sollte:
- Förderung lokaler, von Bewohner:innen gemachter Medien – Quartierszeitung, mehrsprachige Newsletter, Social-Media-Kanäle aus dem Stadtteil heraus
- Sicherstellung, dass städtische Informationen zu Beteiligungsmöglichkeiten, Wahlen und kommunalen Entscheidungen auch gedruckt und in einfacher, mehrsprachiger Sprache in den Quartieren verteilt werden
- Zusammenarbeit mit Initiativen vor Ort als Modell für andere Stadtteile: Quartierszeitungen als anerkanntes Instrument der Demokratieförderung fördern und finanzieren
6. Mietobergrenzen (KdU) an den realen Kölner Wohnungsmarkt anpassen
Was wir beobachtet haben: Die Diskrepanz zwischen KdU-Obergrenzen des Jobcenters und den tatsächlichen Marktmieten in Köln (bis zu 350 € Differenz pro Monat für eine 2-Personen-Wohnung) zwingt armutsbetroffene Menschen, entweder in unzumutbaren Wohnverhältnissen zu leben oder ihren Regelsatz für Wohnkosten aufzuwenden, der eigentlich für Nahrung, Kleidung und Teilhabe vorgesehen ist.
Was die Stadt tun sollte:
- Überprüfung und Anhebung der KdU-Obergrenzen auf Basis des aktuellen Kölner Mietspiegels – mindestens jährlich
- Kommunaler Wohnungsbau massiv ausbauen: Mehr Wohnungen in städtischer Hand, die dauerhaft zu sozialverträglichen Mieten vermietet werden
- Vorkaufsrecht für städtische Flächen konsequent nutzen, um Spekulation zu begrenzen
- Wohnungsbaugesellschaften in die Pflicht nehmen: Kooperationsverträge mit Sozialbindungsquoten von mindestens 30 % bei Neubauprojekten
7. Psychosoziale Versorgung ausbauen und barrierefrei gestalten
Was wir beobachtet haben: Viele Projektteilnehmende lebten in langanhaltend prekären Lagen, hatten Fluchterfahrungen, chronische Erkrankungen oder Verlusterfahrungen. Professionelle psychosoziale Unterstützung war für sie kaum erreichbar: lange Wartezeiten, fehlende Kultursensibilität, Sprachbarrieren, Kosten.
Was die Stadt tun sollte:
- Ausbau kultursensitiver, mehrsprachiger psychosozialer Beratungs- und Therapieangebote – kostenlos, ohne lange Wartezeiten, aufsuchend
- Finanzierung von psychosozialer Begleitung als fester Bestandteil von Quartiersprojekten – nicht als Zusatzleistung, sondern als Grundausstattung
- Kooperation zwischen sozialen Projekten und psychosozialen Fachstellen verbindlich verankern, damit niedrigschwellige Übergänge entstehen
8. Integrationskurse vollständig und dauerhaft finanzieren
Was wir beobachtet haben: Das Integrationshaus e.V. bietet Integrationskurse als zentralen Baustein für Teilhabe an. Der aktuelle Finanzierungsstopp des BAMF für freiwillig Teilnehmende (rund 130.000 Menschen bundesweit) trifft unmittelbar die Menschen, die wir in unserer Projektarbeit begleiten. Wir wissen, diese Forderung ist nur bundespolitisch zu lösen, aber wir erhoffen uns Druck von den Kommunen, die letzendlich die Kosten von fehlender Sprachkursteilnahme vor Ort tragen werden.
Was die Stadt tun sollte:
- Politisch auf Bundes- und Landesebene dafür einsetzen, dass Integrationskurse vollständig und ohne Zulassungsstopps finanziert werden
- Auf Landesebene (NRW) ergänzende Förderprogramme schaffen, die Finanzierungslücken des BAMF auffangen
- Lokale Träger durch städtische Kofinanzierung unterstützen, wenn Bundesförderung wegfällt
Deine Stimme zählt! – Unser Projekthandbuch ist da
Im Stadtteil Kalk haben wir gemeinsam mit Nachbar:innen, Engagierten und Menschen aus der unmittelbaren Umgebung ausprobiert, was demokratische Teilhabe im Alltag bedeuten kann. Nicht in Parlamenten. Nicht in Sitzungssälen. Sondern in Innenhöfen, bei gemeinsamen Frühstücken, auf Flohmärkten, bei Aufräumaktionen – und in Gesprächen, die manchmal leise begannen und laut endeten.
Dabei haben wir viel gelernt. Über Kalk. Über Beteiligung. Über Armut. Und über uns selbst.
Wir – das sind Elizaveta, Oksana, Ahmad und Redwan. Wir sind das Projektteam des Integrationshaus e.V. Und wir haben dieses Projekt nicht nur begleitet, wir haben es gelebt. Als Menschen, die selbst Armuts- und Diskriminierungserfahrungen kennen. Als Menschen, die wissen: Es fehlt nicht an Mut. Es fehlt an Macht. Es fehlt an Räumen. Es fehlt an Gehör.
Was wir in dieser Zeit erlebt, erprobt und manchmal auch gescheitert sind – das haben wir in einem Projekthandbuch zusammengefasst.
Das Projekt ist abgeschlossen. Aber die Arbeit geht weiter.
Macht nach. Macht besser.
Hier geht es zum Projekthandbuch: https://ihaus.org/wp-content/uploads/2026/03/Deine-Stimme-zaehlt-Projekthandbuch-1.pdf