Liebe Mitmenschen, liebe Kölnerinnen und Kölner,

wir sind heute hierher zusammenkommen, um unsere Werte – Gleichheit, Menschenwürde und Menschenrechte zu verteidigen. Gerade jetzt ist es sehr wichtig, dass wir jeden Tag daran arbeiten, unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. Überall entsteht Angst – Angst, die so manipulierend und einschränkend ist, dass sie einen ersticken kann – so sehr, dass man all die Werte vergisst, für die diese Gesellschaft und die Weltgemeinschaft Jahrzehnte lang gearbeitet und gekämpft hat. Mittlerweile hat diese Angst so viel Macht demonstriert, sodass wir nicht nur hier, sondern weltweit es mit einem aufsteigenden Nationalismus zu tun haben, der uns gefährlicher als alles andere werden kann. Wir brauchen eine solidarische und wertegebundene Gesellschaft, denn sonst werden wir den heutigen Herausforderungen dieser vernetzen und globalisierten Welt niemals standhalten können.

Wir müssen jeden Tag daran arbeiten – an uns selbst – an anderen Stellen – so wie hier und jetzt- dass diese Gesellschaft zusammenleben kann – mit Würde und Respekt. Es wäre leichtsinnig zu sagen, dass das leicht ist und dass es keine Probleme gibt. Aber ich glaube daran und ich glaube an diese Gesellschaft. Wir arbeiten wie viele andere jeden Tag daran. Ich weiß, wie viel Arbeit das bedeutet, aber es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Denn welche Alternativen hätten wir sonst? Eine Gesellschaft, die Menschen nach Haar- und Hautfarbe „aussortiert“ und ausgrenzt? Eine Gesellschaft, die entgegen der grundlegenden Menschenrechte gegen ein Miteinander arbeitet?

Wir müssen uns mit dem Zusammenleben aller Menschen befassen, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist, welchen Weg wir nehmen.

So oft werden wir, wenn wir uns für ein gemeinsames Miteinander aussprechen, von jenen beleidigt, die selbst Freiheit und Rechte fordern, aber es nicht ertragen können andere Meinungen auch nur zu hören. Diese eingeschränkte Denkweise führt dazu, dass Rassismus und Hass mittlerweile ein derartiges Ausmaß genommen, der mir Angst macht.

Wir wissen, dass Rassismus keine reine individuelle Einstellung ist.

Rassismus ist auch ein System – ein System, dass unsere Gesellschaft strukturiert – in Menschen, die dazugehören und die, die nicht dazugehören. Deswegen sind es auch Institutionen und Strukturen, die Rassismus immer wieder hervorbringen und stabilisieren. Das haben wir gerade in diesem Jahr besonders an Sylvester zu spüren bekommen.

Doch was heißt das für uns? Für uns, die anders aussehen, aber nicht anders sind. Die vermeintlich wo anders herkommen, aber hier ihr zu Hause haben? Für Menschen, die nicht dem vermeintlichen 0815 Standard entsprechen – was dieser auch immer sein soll, die nicht dem Bild der Bilder im Kopf entsprechen, sei es, weil sie anders aussehen, sei es, weil sie anders lieben, sei es, weil sie anders leben…

Für uns bedeutet es, in einer Gesellschaft zu leben, in der es nicht die gleichen Chancen und nicht die gleichen Rechte für alle gibt.

Für uns sogenannten Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte heißt das, dauernd Fragen zu beantworten und dauernd in Frage gestellt zu werden. Duschen Sie auch mit dem Kopftuch? Schwitz schwarze Haut? Möchten Sie irgendwann zurück in ihre Heimat? Das sind noch harmlose Fragen – aber sie verletzen auch.

Überhaupt stellen wir fest – unsere Gesellschaft scheint zu zerbrechen.

Wir haben den „guten Ton“ verloren. Im Umgang miteinander, in Diskussionen, in der Presse…Wie konnte das passieren?

Es ist nicht so, dass es nicht schon vorher diskriminierende Aussagen, Handlungen, Gesetze gab – aber jetzt haben wir den Eindruck, dass jeden Tag die Grenze, was gesagt werden kann, verrutscht – und dass Gutmenschentum als Beleidigung gilt. Das kann, das darf nicht sein. Dass die AfD in das Parlament einzieht, dass macht vielen von uns Angst, das macht mir Angst. Aber ich möchte nicht, dass diese Angst gewinnt.

  • Was können wir tun? Wir finden, dass wir uns weiter anstrengen sollten!
  • Uns weiter bemühen, den guten Ton zu wahren und diesen auch einzufordern
  • Uns die Mühe geben, die Diskussionen auf Augenhöhe zu führen, egal wer unser Gegenüber ist
  • Uns auf dem Weg machen, demokratische Umgangsformen zu verteidigen Und weiter im Dialog blieben.

Wir wollen unser Zuhause nicht verlieren. Denn wir sind hier zu Hause – und das ist auch gut so!